Konzept "MEMORY"

Im Institut MEMORY arbeiten unterschiedlichste Fachkräfte – Psychologen, Heilpädagogen, Sonderpädagogen, Diplompädagogen, Erzieher/Erzieherinnen – an Fragen wie z.B.:

 

  • Wie lernen Menschen?
  • Welches sind die grundlegenden Prozesse des Lernens?
  • Wie fördert Lernen die Identität und das Selbstvertrauen von Menschen?

 

In Zusammenarbeit dieser verschiedenen Disziplinen und auf Grund der langjährigen Beschäftigung mit dieser Problematik entstand ein Förderkonzept, welches in verschiedenen Bereichen einsetzbar ist.

Im Wesentlichen beruht dieses Konzept auf den Forschungen und praktischen Erfahrungen des Psychologen

Dr. Reuven Feuerstein.

 

Feuerstein studierte in Genf bei Jean Piaget, André Rey, Bärbel Inhälder und Margaret Loosli-Uster. Der Einfluss der Genfer Schule auf die Arbeit Feuersteins ist nicht übersehbar. Piaget und seine Mitarbeiter untersuchten die Voraussetzungen und psychologischen Prozesse, die mit dem Erkennen der Wirklichkeit verbunden sind. Nicht unwesentlich für die Arbeiten Feuersteins war auch der Ansatz des Psychologen Wygotzki.

 

Piaget und Wygotzki teilten die Auffassung, dass sich das Erkenntnisvermögen in der aktiven Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt entwickelt.

In Israel beschäftigte sich Feuerstein intensiv mit Kindern, denen es die Umwelt nicht erlaubt hatte, kreative und effektive ,,Informationssucher und –nutzer“ zu werden.

In der Diagnostik erkannte er, dass diese Kinder und Jugendlichen schwer wiegende kognitive Defizite in folgenden Bereichen hatten:

 

  • Impulsivität
  • Unfähigkeit zum Vergleich zwischen verschiedenen Objekten und Ereignissen
  • Schwierigkeiten bei der räumlichen Orientierung
  • Unfähigkeit zu planvollem Verhalten
  • Unfähigkeit, Ursache und Wirkung miteinander zu verbinden

 

 

Feuerstein erarbeitete ein Förderprogramm, das wir im Institut MEMORY weiter entwickelt und in großen Bereichen erneuert haben.

 

Feuersteins Methodik zur Förderung geistiger Fähigkeiten wird heute in 25 Staaten und allen Erdteilen praktiziert. Inzwischen haben sich weltweit mehr als tausend Forschungsprojekte mit der Arbeit Feuersteins auseinander gesetzt. Interessant ist, dass dieses Konzept in allen Alters- und Begabungsgruppen und unter unterschiedlichsten Rahmenbedingungen Anwendung findet.

 

Hinter diesem Konzept verbirgt sich ein Modell von Intelligenz. Intelligenz wird nicht als statische Struktur, sondern als ein offenes, dynamisches System gesehen, welches sich während des ganzen Lebens weiter entwickeln kann. Um dieses Bild von Intelligenz verstehen zu können, muss man darauf hinweisen, dass es sich hierbei – wie in allen Theorien der Intelligenzforschung – um ein Modell handelt.

Wir gehen von dem Ansatz aus, dass Intelligenz die Summe der Anlagen und Möglichkeiten ist, die Menschen mit auf die Welt bringen.

Die kognitive Struktur unter Einbeziehung der emotionalen Fähigkeiten ist dann das Werkzeug, welches die Intelligenz nutzbar macht. Diese Werkzeuge sind – und hier setzt die MEMORY-Förderung an – ein Leben lang veränderbar.

 

Die Fördermaterialien bestehen u.a. aus Übungseinheiten, die den Aufgaben der traditionellen, so genannten sprachfreien Intelligenztests entsprechen oder ähneln. Um die Aufgaben lösen zu können, ist wenig sprachliches Verständnis notwendig und ebenso wenig fachliches Vorwissen. Ohne auf fachliche oder sprachliche Blockierungen Rücksicht nehmen zu müssen, können dem Klienten individuelle Lernpotentiale und Lernstrategien bewusst gemacht werden. Es geht also nicht um Veränderungen wie z. B. die, wenn ein Kind eine neue mathematische Operation, etwa die Subtraktion, lernt, sondern um Veränderungen der kognitiven Struktur, womit sich die Art des Umgangs mit bestimmten Informationsquellen wandelt. Nach einer Veränderung der kognitiven Struktur ändert sich die Richtung der zukünftigen intellektuellen Entwicklung. Die intellektuelle Entwicklungsfähigkeit des Menschen ist nach Auffassung Feuersteins umso größer, je schlechter die sozialen Bedingungen des betroffenen Individuums in seinem bisherigen Leben waren, weil er dadurch viele Lernerfahrungen nicht machen konnte, die er jetzt mit Hilfe der Memory-Lerntherapie nachholen kann.

 

 

Nach Feuerstein gliedert sich die kognitive Struktur in die Bereiche

 

  • Motivation
  • Erfahrung
  • Grundfertigkeiten
  • Begriffe

 

Im Sinne von Piaget könnte man formulieren, dass die kognitive Struktur die Wirklichkeit konstruiert, indem sie sich selbst konstruiert. Kognitive Struktur und Wirklichkeit sind durch vielschichtige Wechselwirkungen miteinander verbunden. Die kognitive Struktur kann sich durch unmittelbare und vermittelte Lernerfahrung verändern. Die unmittelbare Lernerfahrung beginnt im Grunde bereits im Mutterleib. Das Kind interagiert mit seiner Umwelt, sammelt Erfahrungen, und diese Erfahrungen verändern seine kognitive Struktur und damit auch seine Art des Umgangs mit der Umwelt.

Bei der vermittelten Lernerfahrung steuert ein Mediator den Prozess des Lernens. Typische Mediatoren sind Eltern, Geschwister, Lehrer.

 

Die Absichten des Vermittlers bestimmen die Auswahl der Umweltausschnitte bzw. Reize, mit denen er ein Kind konfrontiert und somit beeinflusst er in entscheidendem Maße die Entwicklung der kognitiven Struktur des Kindes. Die Ursache verzögerter und defizitärer geistiger Entwicklung liegt im Wesentlichen in einem Mangel an vermittelter Lernerfahrung. Je früher das Kind vermittelte Lernerfahrungen sammelt, desto leichter kann es auch im direkten Umgang mit der Umwelt lernen. Ein guter Vermittler (Mediator) muss folgende Aufgaben erfüllen:

 

 

Er muss

  • dem Lernenden planvoll und mit Bedacht ausgewählte Stimuli bieten
  • die jeweilige Lernerfahrung mit anderen verwandten Erfahrungen verbinden
  • dem Lernenden eine bezeichnende Bedeutung geben
  • offen sein für die wechselnde Beziehung zwischen Lehrer und Lernendem
  • die Überzeugung zu erkennen geben, dass sich der Lernende verändern und verbessern wird
  • auf Verhaltensweise verzichten, die Unabhängigkeit hemmen und Selbststeuerung behindern

 

 

Der Mensch ist auf vermitteltes Lernen angewiesen, um zu einem aktiven ,,Informationserzeuger“ zu werden. Ohne vermitteltes Lernen bleibt der Mensch ein passiver Rezipient unstrukturierter Informationen. Dem Menschen muss bekannt sein, dass das Bewusstsein und die Entwicklung einer bedeutsamen Innenwelt eine selbstbestimmte Motivation zum Lernen und Behalten hervorbringt.

 

Er muss lernen, das eigene Lernverhalten durch Mitdenken (Nachdenken über das Denken) zu kontrollieren. Er muss sich seiner eigenen Fähigkeiten bewusst sein, um Schwierigkeiten bewältigen zu können. Letztendlich muss er Eigeninitiativen beim Suchen, Anstreben und Erreichen von Zielen auf systematischer Grundlage entwickeln. Er muss sich seiner Einzigartigkeit bewusst sein und in der Kommunikation mit anderen adäquat agieren können. Er muss sich den Herausforderungen der Zukunft stellen und den Nutzen eines lebenslangen persönlichen Wandels als eigenen Vorteil erkennen.

 

Am Anfang einer Förderung steht immer ein Lernpotential-Test, der dem Kind und dem Mediator Potentiale und Möglichkeiten der Förderung aufzeigt. Die Förderung kann auf unterschiedliche Art und Weise angelegt sein: Sowohl in der Kleingruppe mit bis zu fünf Kindern als auch in der Einzelförderung kann das Kind gezielt in Sondersituationen kognitive Förderung erfahren.

Aber auch im Heimbereich z. B. kann im täglichen Ablauf durch die Erzieherinnen diese Methode immer wieder angewandt und so kognitive Strukturen bewusst gemacht werden.

 

Jede Förderstunde oder Auseinandersetzung mit dem Kind ist gleichsam wieder eine fortlaufende Diagnostik, die Erreichtes sichtbar macht und weitere Potentiale offenbart. Viele andere Fördermöglichkeiten oder auch Therapieformen können auf der kognitiven Förderung aufbauen und Ziele leichter und sinnvoller erreicht werden.

 

 

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Schwerpunkte des Konzepts

 

  1. in der Standortbestimmung bei Lern- und Leistungsfragen liegen:

- Erstellen von Lern- und Leistungsprofilen

- Analyse von Neigungs- und Fähigkeitspotentialen

- Erfassung von Lernpotentialen

 

  1. in der Beratung/Förderung bei persönlichen Lernschwierigkeiten bestehen:

- Vermittlung von Arbeitstechniken und Entwicklung von Lernmotivation

- Lerntraining und Entwicklung grundlegender Denk- und Lernprozesse

       - Stärkung des Selbstbewusstseins, Entwicklung der Identität, Förderung sozialer Kompetenz

- Unterstützung von Eltern und Zusammenarbeit mit weiteren Bezugspersonen

 

 

 

Konzept Memory
Zusammenfassung MEMORY - KONZEPT.pdf
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